Mit Spott über den „fürstlich Bedienten“ hat Richard Wagner nie gespart. In der Krise aber entdeckte er Haydn für den privaten Trost – und als künstlerischen Wegbereiter. Während der Arbeit am „Siegfried“ spielten Richard und Cosima vierhändig die Londoner Sinfonien. Wagner musste erkennen, dass das Strömen der Bläser oder die atemlose Stille in der „Symphonie mit dem Paukenwirbel“ die düsteren Schleier in seinem eigenen Werk vorwegnahmen.

„Die Introduktion erregte die höchste Aufmerksamkeit“, vermeldete denn auch ein Kritiker nach der Uraufführung von Joseph Haydns Es-Dur-Sinfonie. Gesteigerte Aufmerksamkeit beansprucht dieser sehr ungewöhnliche Sinfoniebeginn bis heute - überlässt er doch der Pauke das erste und letztlich auch wichtigste Wort. Weder Länge noch Dynamik des einleitenden Wirbels ist von Haydn vorgeschrieben, so dass sich unzählige Interpretationsmöglichkeiten ergeben, sogar die Ausweitung auf ein mehrtaktiges Solo, denn die im Autographen enthaltene Überschrift „Intrada“ bezieht sich nur auf die Pauke. Doch nicht nur dieser namengebende „Paukenwirbel“ erhebt die Introduktion in den Rang des Außergewöhnlichen, auch die Tatsache, dass ihre düstere und grübelnd fragende Melodik im Verlauf des Kopfsatzes mehrfach wiederkehrt, und sogar dass das Paukensolo kurz vor Ende des Satzes noch einmal erscheint, trägt zur Einmaligkeit des Werkes bei. Die Introduktion als eigentliches Herzstück einer Sinfonie, das hatte es bislang noch nicht gegeben. Erst Franz Schubert wagte in seinem  berühmten Symphonie-Fragment in h-Moll („Die Unvollendete“) einen ähnlichen kühnen Anfang.

Überhaupt weist Haydns vorletzte Symphonie weit in die Zukunft: Die zwielichtige Harmonik und der unablässig schreitende Duktus der Doppelvariationen des 2. Satzes lassen gleichfalls bereits an den reifen Schubert denken. Vordergründig einen Variationen-Satz präsentierend durchbricht Haydn – wie sein zeitweiliger Schüler Beethoven später in den langsamen Sätzen der „Eroica“ oder der Fünften – das Schema und schreibt einen überstehenden Formteil, in dem der Ausdruck noch unberührte Felder aufsucht und wie befreit zu sich selbst kommt. Und dafür braucht er Platz und Zeit. Der in der Parallele c-Moll notierte Satz ist mit einer Durchschnittlichen Aufführungsdauer von rund 10 Minuten der wohl der längste Sinfonie-Satz, den Haydn bis dato geschrieben hatte. Aber Haydn wäre nicht Haydn, wenn er sich nicht auch hier treu bleiben würde. Wie so oft in der Thematik seiner Symphonien liegt sowohl der Moll- als auch der Dur-Melodie je ein Volkslied zugrunde („Na travniku“ und „Jur Postaje“), in diesem Falle solche des Bezirks Sopron,

 
der sich südlich des Neusiedler-Sees im Grenzgebiet Österreich – Ungarn befindet, d.h. in der heimatlichen Umgebung Haydns.  

Auch im Menuett scheint Haydn mit der Form spielen zu wollen. Der frisch-derbe Anfang endet schon am Ende des ersten Achttakters in einem Echo der 1. Violinen, nachhallend in den Klarinetten, Fagotten und Hörnern, später dann in den Flöten, Oboen und nochmals den Klarinetten. Freundlicher, dabei aber zurückhaltend, fast verträumt, gibt sich das Trio, welches ganz auf den hier erstmals von Haydn angewandten »Dudelklang“ der Klarinetten stellt.

Bemerkenswert ist auch das Finale. Nicht nur eine immer wiederkehrende pochende Viertelbewegung erinnert in manchen Momenten an den 1. Satz aus der 5. Symphonie von Beethoven. Neben diesem ist wohl der Finalsatz der 103. Symphonie Haydns das wohl beste Beispiel dafür, was sich aus einem einzigen Motiv alles machen lässt. Nur die beiden Hörner präsentieren das Hauptthema – und lassen das Orchester nach nur zwei Takten in einer Generalpause verharren. Erst dann treten die 1. Violinen als kontrapunktische Stimme hinzu. Was dann im tutti folgt, ist nichts weniger als der Beweis, dass Haydn zu Recht als „Vater und Wegbereiter der klassischen Symphonie“ bezeichnet wird. Immer wieder kehrt Haydn zu seinem Anfangsmotiv zurück, bleibt aber doch stets vorwärts drängend. Kindliche Freude atmend greift er dabei zu geradezu banalen Kniffen wie die Veränderung des Themenspitzentons. Derart thematisch motiviert, führt er den Zuhörer sogar zurück zum „Kern des Kerns“, der zu Beginn der Symphonie (dem einleitenden Paukensolo folgend) als Motto gesetzt wurde: der zielstrebige Leitton, der sich nun im Finale ganz natürlich, als Begleitton im Hauptthema ergibt. Und wie so häufig bleibt Haydn bei alle dem stets überraschend. Wie es sich gehört, präsentiert er dem Zuhörer eine Wiederholung an den Anfang des Satzes, um ihn nur kurz darauf mit einem Augenzwinkern zu verdeutlichen, dass er sich schon längst in der Durchführung befindet, in der er trotz rondoartiger Vorführung des Themas höchst elegant mit dem vorhandenen Material spielt. Markant folgt auf die Reprise eine Coda, welche diesen musikalisch wohl anspruchsvollsten Finalsatz Haydnscher Symphonik zwar nicht triumphal, so doch in nachdrücklicher, intensiver Gedankenführung beschließt.  

Nach alle dem steht fest: bei der 103. Symphonie Haydns erregt nicht nur die Introduktion höchste Aufmerksamkeit. Die ganze Symphonie ist „großes Kino“.

Ulrich Witt


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