Bach unglaubliches Œuvre (das Bach-Werke-Verzeichnis kennt incl. später aufgefundener Kompositionen inzwischen über 1100 Werke) resultiert unter anderem aus der Tatsache, dass er viele seiner Werke "zweit- und drittverwertete". Die erste Kantate seines "Weihnachtsoratorium" zum Beispiel war im Ursprung die weltliche Kantate "Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!", die er 1733 als Glückwunschkantate anlässlich des Geburtstags der Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, komponierte. Ein zweites Bachsches Phänomen ist, dass viele seiner Solokonzerte nicht nur für ein Instrument komponiert wurden, sondern dass Bach sie häufig auch noch für andere umarbeitete. Eigene oder fremde Werke zu bearbeiten war ein vielgeübter und keineswegs unehrenhafter Brauch barocker Kompositionspraxis, und so nahm sich auch Bach diese Freiheit.

Die meisten seiner Cembalokonzerte, die allesamt etwa zwischen 1729 und 1740 in Leipzig entstanden, sind z.B. solche Umarbeitungen, was sich in den allermeisten Fällen aus den erhaltenen Urfassungen erkennen lässt. Aber auch Untersuchungen der Handschrift sowie stilistische Überlegungen zeigen, dass Bach ein bereits existierendes Konzert für ein anderes Instrument bearbeitete. Einzelsätze der Cembalokonzerte kommen daneben als instrumentale Einleitungssätze von Kantaten vor und gehen dabei in jedem Fall unabhängig ebenfalls auf die zugrundeliegende Urform, also nicht auf deren Version als Cembalokonzert zurück.

Eine besonders interessante Bearbeitungsgeschichte besitzt das Konzert d-Moll BWV 1059. Es ist nur in einem Bruchstück von neun Takten als Autograf überliefert und trägt dort die Bezeichnung "Cembalo solo, una Oboe, due Violini, Viola, e Cont.", wird also trotz seiner Bruchstückhaftigkeit zu den Cembalokonzerten gezählt. Diese neun Takte wiederum entsprechen dem Beginn der schon 1726 entstandenen Kantate Nr. 35 "Geist und Seele wird verwirret", die mit obligater Orgel besetzt ist, also mit einer selbstständig geführten Stimme (im Unterschied zum Basso continuo). Sofern es dieses Cembalo-Konzert also jemals vollständig gab, so war die Kantate 35 also eine der Vorlagen.

Allerdings besitzen in Bachs Partiturautograph der Kantate diese beiden Orgelsinfonien Reinschriftcharakter. Dieser Sachverhalt begegnet uns ebenfalls bei den Klavierkonzerten, die Bach nach den uns erhaltenen Violinkonzerten bearbeitet hat. Schon Philipp Spitta, der erste bedeutende Bach-Biograf (und übrigens auch Blauer Sänger) hatte auf den Reinschriftcharakter der Sinfonien in den Kantaten hingewiesen und die Existenz einer weiteren Vorlage vermutet. In der Tat ist es typisch für die handschriftlichen Ausarbeitungen Bachs, dass die neu komponier-

 
ten Teile mehr oder minder starke Korrekturen zeigen, während in den gleichen Werken die Sätze mit Vorlagen quasi in Reinschrift anzutreffen sind. Mit anderen Worten: für die Instrumentalsätze und die einleitende Arie der Kantate 35 griff Bach auf ein uns unbekanntes Solokonzert zurück. Es bleibt die Frage nach dem Soloinstrument dieses Konzerts und nach dem noch fehlenden Mittelsatz.

Als Soloinstrument ist die Oboe naheliegend. Der Tonumfang des Orgeldiskants der Kantatensinfonien umfasst insgesamt c1 und d3, was dem Tonvorrat der Oboe zur Zeit Bachs entspricht und der zugleich auch alle anderen Blasinstrumente ausschließt (die Flöte führt Bach gewöhnlich zwischen d1 und g3). Auch die Violine dürfte als Soloinstrument kaum in Betracht kommen, da der oben genannte Ambitus der obligaten Orgeldiskantpartie sowohl das Spiel auf der G-Saite als auch die höheren Lagen der E-Saite so gut wie nicht berücksichtigt. Ebenso fehlen violintypische Melodieverläufe wie großräumiges, über mehrere Saiten führendes Figurenspiel, ausgedehnte Folgen von Tonrepetitionen sowie Bariolage-Effekte.

Zur Frage nach dem Mittelsatz der verschollenen Konzertvorlage brachte der Musikwissenschaftler Joshua Rifkin eine recht überzeugende Antwort. Er konnte nämlich anhand quellenkundlicher Untersuchungen wahrscheinlich machen, dass auch der gesuchte Mittelsatz schon in einem anderen Werk Bachs enthalten ist: in der Eingangssinfonia F-Dur der Kantate "Ich steh mit einem Fuß im Grabe" BWV 156, die Bach für den 3. Sonntag nach Epiphanias vermutlich des Jahres 1729 komponiert hatte. Auch begegnet uns dieser Satz im Klavierkonzert f-Moll BWV 1056 als Largo wieder; doch ist unbestritten, dass er ursprünglich nicht Bestandteil dieses f-Moll-Konzerts war, sondern aus einer nicht näher bestimmbaren, früher entstandenen Konzertkomposition Bachs stammt. Rifkin hat nun gezeigt, dass Bachs Klavierkonzert-Autograph innerhalb der Schlusstakte dieses Satzes starke Korrekturen aufweist, die sich vorwiegend auf die in ihrer ursprünglichen Lesart einfachere und teilweise noch als solche erkennbare Solopartie beziehen, welche als konzertierende Stimme des gesuchten langsamen Mittelsatzes der verschollenen Vorlage verifiziert werden kann. Und auch hier deutet die Rekonstruktion auf die Oboe als Soloinstrument. Originalnoten, die diese (wenn auch naheliegenden) Annahmen belegen, gibt es jedoch nicht. Dennoch nehmen wir uns heute die Freiheit, als Konzert BWV 1059 als Oboenkonzert aufzuführen.

Ulrich Witt


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